17.1.2024

Ein ganz persönliches Triple geschmiedet

Der Sauerländer Maik Figgen beschreitet einen besonderen Weg. Der 27-Jährige ist kleinwüchsig und spielt Seite an Seite mit Akteuren ohne Handicap im Vereinsfußball, er läuft erfolgreich Marathon und sammelt Medaillen bei internationalen Meisterschaften für kleinwüchsige Menschen.

Der Moment, der die Augen öffnete und die Weichen für den weiteren Weg stellte, war alles andere als angenehm. Doch heute weiß Maik Figgen, diesen Tag zu schätzen. „Mein damaliger Fußballtrainer hat mir sehr deutlich gesagt, dass er meine technischen und taktischen Qualitäten schätzt und ich einiges erreichen kann, ich jedoch aufgrund meines Handicaps wohl nicht so hochklassig spielen werde, wie ich es mir erträumt habe“, sagt Figgen, der aufgrund einer genetischen Veranlagung kleinwüchsig ist. Zunächst habe er angesichts dieser ungeschminkten Wahrheit schlucken müssen. „Aber dann habe ich realisiert, dass dieser Coach in mir ein Potenzial sieht und dass ich nur dann das Beste aus mir herausholen kann, wenn ich die Situation annehme, wie sie ist“, so der Sportler weiter.

Exakt das hat der Sauerländer dann auch getan. Für ihn sind Botschaft und Erkenntnis zum Wegweiser einer durchaus beeindruckenden Erfolgsstory geworden. Das gilt für den sportlichen Werdegang und das gilt für den privaten und beruflichen Lebensweg. Die Worte des Trainers hörte er an der Schwelle zum Erwachsen werden. Inzwischen ist Maik Figgen 27 Jahre alt. Er ist nach Schullaufbahn, Ausbildung und nahezu vollendeter Meisterprüfung seit rund einem halben Jahr als Filialleiter eines Anbieters für Hörakustik in verantwortlicher Position tätig.

Maik Figgen (mit Startnummer 135), bei der Goldstaffel während der World Dwarf Games in Köln über 4x100 Meter.

Als Sportler dreifach im Einsatz

Als Sportler hat er sich auf dreierlei Wegen einen Namen gemacht und damit sein ganz persönliches Triple erreicht: Als einer der erfolgreichsten deutschen Starter bei Wettbewerben für kleinwüchsige Menschen, als ambitionierter Langstreckenläufer und als zuverlässiger Mittelfeldmotor im Team der Fußballer des TuS Vosswinkel. Seinen Reiz hat das gesamte Spektrum, macht er deutlich.

Der Fußball ist Leidenschaft und steter Begleiter. „Ich habe als Fünfjähriger bei den Minikickern angefangen und von da an durchgespielt“, erklärt er. Immer an der Seite von Mitspielern ohne Behinderung. Zu Beginn war das völlig unproblematisch. „Erst im Teenageralter bin ich deutlich langsamer gewachsen als die anderen Jungs“, schaut er zurück. Maik Figgen kompensierte das, indem er läuferisch mehr Gas gab als andere. Er feierte mit seinem Nachwuchsteam gleich mehrfach den Aufstieg in die Bezirksliga. Dumme Sprüche oder Beleidigungen angesichts seiner 1,48 Meter Körpergröße hat er auf den Plätzen im heimatlichen Arnsberg und Umgebung nie gehört. Maik Figgen gehörte ganz selbstverständlich dazu und war damit das beste Beispiel für Inklusion, noch ehe viele diesen Begriff überhaupt kannten. Das galt auch für das private Umfeld. Und das hat sich bis heute nicht geändert.

Fußball als Ausgleich zum beruflichen Alltag

Übungseinheiten und Spiele sind der perfekte Ausgleich zum beruflichen Alltag. Doch die einstige Trainingsintensität ist nun schwieriger zu bewerkstelligen. Der Job nimmt viel Zeit in
Anspruch. Zumeist spielt der 27-Jährige daher nicht mehr in der A-Liga, sondern in der Reserve. Zudem sind da noch die weiteren sportlichen Aktivitäten des glühenden Anhängers von Borussia Dortmund.

Maik Figgen läuft seit einiger Zeit Marathon. Begonnen habe er damit in einer Zeit, als es ihm mental nicht gut ging. „Über das Laufen habe ich wieder Lebensfreude und zu mir selbst gefunden“, erklärt er. Seine bisherige Marathon-Bestzeit von 4:16 Stunden will er bald knacken. Außerdem will er sich den bekanntesten Strecken der Welt stellen. Die Ziele heißen New York, Boston, Chicago, London, Tokio und Berlin. Los geht es im Sommer in der deutschen Hauptstadt.

Auch mit der deutschen Volleyballmannschaft gewann Maik Figgen (oben rechts) Gold.

In Köln sechs internationale Medaillen gewonnen

Weil das alles nicht genug ist, startet Figgen auch noch bei nationalen und internationalen Dwarf Games, also Spielen für kleinwüchsige Menschen. „Das sind all jene Menschen, die kleiner als 1,50 Meter sind“, erklärt er. Die Gründe für geringere Körpergröße seien vielfältig und entsprechend gebe es auch unterschiedliche Wettkampfklassen. Maik Figgen schätzt die Teilnahme sehr. „Mit meinen Voraussetzungen bin ich dort auf einem sehr hohen Niveau unterwegs. Es herrscht immer eine besondere Wärme unter den Athleten, der Teamgedanke und der Austausch untereinander stehen über allem“, macht er deutlich. Das
beflügelt ihn offenbar. Im vergangenen Sommer bei den World Dwarf Games in Köln, den Weltmeisterschaften der kleinwüchsigen Menschen, gewann er fünfmal Edelmetall. Gold gab es mit dem Volleyball- und Fußballteam sowie der 4x100 Meter Staffel. „Das war eine tolle Zeit dort“, erinnert er sich an das von der DFB-Stiftung Sepp Herberger unterstützte Event auf dem Gelände der Kölner Sporthochschule.

Beim Sport Gemeinschaft erleben

„Wir haben die Fußballwettbewerbe bei den World Dwarf Games gerne mit der Bereitstellung von Bällen und Torverkleinerungen unterstützt, weil diese Wettkämpfe zur Vielfalt des Sports gehören“, sagt Nico Kempf, der stellvertretende Geschäftsführer der DFB-Stiftung Sepp Herberger. Diese Wertschätzung beruht auf Gegenseitigkeit. „Ich finde es gut, dass so eine Veranstaltung Unterstützung erfährt. Die vielfältige Arbeit der Stiftung im Bereich Inklusion ist wichtig und hat schon einiges bewegt“, meint Maik Figgen.

Ohnehin besitze der Sport eine immense Kraft, die es zu nutzen gelte – für die Gesellschaft und jeden Einzelnen. „Für mich ist Sport ein Stück Lebensglück, er schafft Momente, um den Kopf freizubekommen und man erlebt eine Gemeinschaft, in der man sich wohl fühlt“, fasst der Sauerländer zusammen. Inzwischen gebe es viele Mittel und Wege, sich zu betätigen. „Es lohnt sich, dranzubleiben und sich nicht von Rückschlägen einschüchtern zu lassen“, meint er. Der Blick auf seine Geschichte geht zweifellos als eindrucksvoller Beleg für diese Einschätzung durch.

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